Eigentlich ist es mehr so ein Gefühl: „hahaha“ von Hong Sang-Soo.
Ich entdeckte Hong Sang-soo vor einigen Monaten zufällig und durch einen Trailer. Nach zwanzig Sekunden dachte ich „das ist einer von den großen“, nach einer Minute war ich mir sicher. Nun wissen es viele mehr: sein Film „hahaha“ war Gewinner des Wettbewerbs „un certain regard“ in Cannes. Und dank einer Wiederholung in Paris konnte auch ich endlich einen ganzen Hong sehen.
[Scorcese kannte Ihn natürlich schon vor mir. Bemerkenswert, wie immer, seine agile Scorcesekopfhaltung, seine Scorcesebrauen und seine Fähigkeit Namen jeglicher Herkunft auszusprechen]

Hahaha beginnt in Schwarzweiß-Standbildern. Er handelt von den Geschichten zweier Freunde, die beide ein paar Sommertage in „Tongyeong“ verbrachten, und sich nun beim Schnaps Ihre Geschichten erzählen. Es handelt sich bei den beiden Männern um ein dicklichen Regisseur mit flaumigem Schnurrbart – selbstredend noch filmlos – und ein depressiven Filmkritiker der mit seiner Geliebten reist. Ohne es zu wissen, spielen in Ihren Geschichten dieselben Plätze und dieselben Personen verschiedene Rollen. Frauen, natürlich. Und natürlich auch der Gegenpart der beiden ständig nachsinnenden Männer: ein ehemaliger Soldat, nun Poet und Frauenheld.
Die Kamera ist einfach, die Farben natürlich. Man liest das Hong mit sehr geringen Produktionskosten dreht. Aber dennoch ist man vom ersten Bild an eingesogen in ein Hong-Gefühl, ein melancholisch-stoisches Gefühl, das die Charaktere umweht die zu schwach sind etwas zu ändern und zu schwach um es nicht zu versuchen.
In einer schönen Szene will sich eine Junge Museumsangestellte sich von ihrem Poeten trennen der Sie betrog. „Steig mir auf den Rücken“ sagt Sie. „Warum,“ fragt der Poet. „Ich trenne mich von dir, und ich will dich davor auf meinem Rücken getragen haben. Mach jetzt.“ Er steigt auf Ihren Rücken, natürlich ist er zu schwer, ihre Stöckelschuhe brechen ab und beide Fallen zu Boden.

So weit ich es Überblicken kann sprechen alle Filme Hong’s von Künstlern und Frauen; von den wirklichen Frauen und den Frauen, die die Künstler sehen. Manchmal schmeichelt Ihnen das Bild, manchmal glauben Sie, es habe mit Ihnen nicht zu tun. Zuweilen scheint es, als gebe es eine tiefere Kommunikation zwischen den Künstlern und den Frauen, und dann wieder, als sei es ein glücklicher Zufall gewesen, dass sie zur selben Zeit etwas sagten was wie eine Antwort auf den anderen klang.
Über seine Arbeitsweise sagt Hong in Interviews, er würde meist ein Treatment mit rund 20 Ideen und den Drehorten verfassen, um die Szenen am Morgen der Drehtage zu schreiben. Vielleicht kommt aus dieser Arbeitsweise das Gefühl der Spontaneität. Er wisse ebenfalls nicht, so Hong, was er für einen Film machen wolle. Er entstehe zusammen mit den Schauspielern:
We’re working on it together 100 percent. I can’t come up with it on my own. The process of how the movie gets moulded can only come strictly through interaction and whether it be the idea or whatever, it’s no use if there are no actors. The story gets decided on by setting on the actors. If Yu Jun-sang hadn’t played the part in “Hahaha,” he wouldn’t have been the same character in the movie. A different story would have been produced if the cast was different. That’s what I can tell you for sure.

Auf die Frage wen er als Vorbild habe, nennen viele Truffaut (und die Art wie er Frauenbeine betrachtet, erinnert tatsächlich immer wieder an “Der Mann der die Frauen liebte”). Hong selbst jedoch nennt Cézanne:
Nun, ich bewundere viele Filmemacher, Ozu, Buñuel, Murnau Aber der
Künstler, dem ich mich am nächsten fühle, ist Paul Cézanne. Bei jedem Künstler stehen ja Abstraktion und Konkretion in einem bestimmten Verhältnis. Und bei Cézanne stimmt dieses Verhältnis für mein Gefühl einfach genau. Als ich zum ersten Mal Bilder von Cézanne sah, wusste ich sofort: Ja, das ist es!
Man könnte daraus schließen, dass Kunst für ihn ein weiter Begriff ist. Ein “Künstler”, sicherlich nicht unbedingt jemand der Kunst schafft, sondern ein einer den seine Sinne in Schach halten. Man könnte Hong Sang-soo auch einen Maler von Geschichten nennen. Einen Gefühlsmaler, der nicht selten „awkwardness“ malt, dieses Wort, das keine echte deutsche Entsprechung hat. Ein Regisseur der seinen Figuren mit schrecklicher Neugierde, aber auch mit viel Respekt zusieht, der nicht urteilt sonder zeigt, der die Zuschauern zu Göttern macht die gütig und verstehend die Sterblichen belächeln können.
***
Eine gute Zusammenfassung seiner Filme findet sich hier:
http://koreanfilm.org/hongsangsoo.html
Ein aktuelles Interview (engl) auf einer Seite zwischen koreanischen Zeichen:http://10.asiae.co.kr/Articles/new_view.htm?sec=ent3&a_id=2010052417295463087
http://10.asiae.co.kr/Articles/new_view.htm?sec=ent3&a_id=2010052414142942697
http://10.asiae.co.kr/Articles/new_view.htm?sec=ent3&a_id=2010052015595303818
Hier ein etwas älteres Interview, in dem Sang-soo über seine Arbeitsweise und Weltsicht spricht.:
http://lightsensitive.typepad.com/light-sensitive/2009/10/hong-sangsoo.html
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