deutschland und internet: „Unter dir die Stadt“ und „Chatroom”

 

Hinter der Absperrung wo der rote Teppich beginnt eine Weile nichts, dann ein Herr im Jackett einen Staubsauger Stufe für Stufe herunterführt. Die Menschen scheinen das gewohnt zu sein, keiner macht Bilder.

Die Warteschlangen für den neuen Film Christoph Hochhäusler, „Unter dir die Stadt“. Neben mir, hinter einer schmalen Absperrung die unsere Schlangen trennt, ein Paar: eine berliner Journalist mit einer jungen Reporterin aus Bulgarien. Er trägt stumpfe, matte Lederschuhe, eine ausgewaschene Röhrenjeans die nach Original aussieht und einen Ringelpulli, rot und violett gestreift aus dünnem Stoff. Er ist mager, um die vierzig mit Kettenrauchergesicht. Das Mädchen trägt Stiefeletten die hinten Geschnürt sind, Jeans, eine Lederjacke und politischen Kurzhaarschnitt. Er streckt die Vokale bis zur Absperrung. Sie sprechen Deutsch und geben sich einmal einen losen Kuss. 

Journalist:

 „Ich bin nie Teil dieser ‚Commuuunity’ geworden, habe nie diese falschen Freundschaften geschlossen…

Die Bürokratie muß denken ‚der hat richtig Ahnung’ und den Medienheinis muss man das Gefühl geben ‚ich bin einer von euch’…

Der hatte später ein Beratungsmandat für das ZDF …

Die waren damals in den 80gern am richtigen Fleck, als die deutsche Medienlandschaft sich professionalisierte …

Das ist so ein typischer kleiner Mann dieser Lutz Hachmeister,  der kann sich verkaufen, ja, bald hatte der Freund in der Meidensparte des Spiegels, und dann haben Sie da die Zahlen der Filmstiftung rausgeblasen, irgendwelche zusammengestückelten Statistiken …

Vielleicht sollte ich mich auch bewerben, für nach dem Journalismus…

Beim Medienboard Berlin Brandenburg wird eine Personalie frei, aber die würden mich ja auslachen, ich bin völlig überqualifiziert …

Die fahren das gerade mit einer Doppelspitzeee…

 

Als es zu regnen anfängt holt er eine flauschige weiße Decke aus der Tasche. „Von der Robin Hood Party“. Und so stehen Sie zusammen unter der Decke von Ridley Scott und schauen griesgrämig. Eine halbe Stunde. Er ist unverstanden, sie hört verständig zu. Der Mann macht sich wichtig, die Frau hört zu. Dagegen hilft wohl auch das Taz-I nicht.

 

Unter dir die Stadt:

Berliner Schule (wenn auch aus München) vom ersten Bild an. Ein Banker zieht mit seiner Frau von Hamburg nach Frankfurt wo er einen Job in der City hat. Oliver (Mark Waschke) ist blond, trägt einen Anzug und mag das neue Sofa aus dem Katalog, Svenja (Nicolette Krebitz) stellt sich als Bildredakteurin vor macht aber eher „was mit Medien“. Und weil sie sensibel und unsicher ist, wenig mit der Kommerzialisierung von Kunst anfangen kann, und die gelackten Leben um sie herum nicht versteht, beginnt Sie eine Affäre mit Roland Cordes (ausgezeichnet gespielt von Robert Hunger-Bühler), Banker des Jahres und Chef ihres Mannes. Ein einsamer Entscheider, denn man außer bei den Treffen mit Svenja fast ausschließlich in einem schwarzen Mercedes sieht.


unter dir die Stadrt

Sehr gute Kamera, sehr gute Musik. Das es außerhalb der gestochen scharfen, geometrisch konstruierten Bilder keine Klarheit in diesem Film gibt, dass alles auf biegen und brechen einen doppelten Boden haben muss, dass mag man dem Autor verzeihen. Ein Hollywoodafiner Bekannter sagte: „Those People are not real. Why do they do this? And why all those boobs?“ Gegen die Brüste ist nichts einzuwenden, in deutschen Filmen kann man zuhause eben auch mal nackt sein. Aber dass „Unter dir die Stadt“ keine Studie über Frankfurts City geworden ist, sondern eine darüber wie man Sie sich Banking an der Filmhochschule vorstellt, ist schade. Ein Klischee aus Glas, Macht und Beton das Hochhäusler offenbar so unheimlich ist, dass er es sich nicht genauer ansehen wolle. Die Schauspieler sind toll, Ihre Gestern und Gesichter erzählen viel – nur will es sich nicht zu einer Geschichte zusammenfügen.

Hier der Blog des Regisseurs: http://parallelfilm.blogspot.com/


Chatroom:

Eine Meltingpotproduktion geschrieben von einer Engländerin (Enda Walsh) und gedreht unter der Regie einer Japanerin (Hideo Nakata) in London. Nakata ist eigentlich Spezialist für Horrorfilme – das kommt diesem Internetthriller aber nur zu gute. Eine Spielwiese von Film der vieles ausprobiert.

Das Internet ist heute ein fester Bestandteil unseres Lebens, die meisten Jugendlich verbringen dort mehr Zeit als vor dem Fernseher oder draußen, und dementsprechend müsste es eigentlich mehr Filme geben die im Internet spielen als im Park. Weil das Internet so schwer auf die Leinwand zu pressen ist gibt es Sie nicht. Hideo Nakata hat in Chatroom eine Lösung gefunden, die die Augen in Cannes glänzen läst. Der Plot ist unkompliziert: Fünf Jugendliche treffen sich im Chatroom ‚Chelsey Teens!’ und chatten. Aber William (Aaron Johnson) ist nicht was er zu sein vorgibt und versucht die anderen zu ihrem Schaden manipulieren.

Eine "Chatroom"-Szene

Das Wunderbare: Nakata hat mit beeindruckender Fantasie ein visuelles Universum geschaffen in dem es für jedes technische Detail eine visuelle Entsprechung gibt. Chatrooms sind in seinem Universum die verschiedenen Versionen des immergleichen Hotelzimmers; abgehend von einem langen Gang voller bizarrer Gestalten der das Internet ist. Ein Beispiel: wenn ein Chatroom ein Passwort erhält, dann wird vor der Tür ein elektronisches Codeschloß angebracht. Und es gibt dort alles: Pedophile, Polizisten, Private Chats mit ältere Damen…

Die Schüler der Schulklassen mit denen ich den Film gesehen habe waren alle der Meinung, es sei ein sehr gelungener Film, aber, so ein Junge „alle Eltern die Ihn gesehen haben werden nun noch mehr Angst vor dem Internet haben“.

For the Gossip: Aaron Johnson scheint der Mädchenschwarm to come zu sein

Ein guter Artikel zu dem Film:http://www.guardian.co.uk/film/movie/136108/chatroom

Viele Grüße und bis bald,

Leo

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