Dresens “Halt auf Freier Strecke”

Einige waren direkt nach dem letzten Bild aus dem Saal geeilt, wir anderen standen und klatschten; klatschten vielleicht auch die Augen trocken. Andreas Dresen und die Schauspieler von “Halt auf freier Strecke” wußten nicht recht wohin zwischen Samt und Applaus. Sie standen zusammen wie eine Heilbronner Familie die gerade aus dem ICE gestiegen ist und staunten.

Frank (Milan PESCHEL) und Simone (Steffi KÜHNERT) sitzen sehen den Arzt an, der macht in kleine Nickbewegungen und sagt Füllworte. Dazwischen kommen die Worte “Gehintumor”, “wenn man operiert” und nicht operabel. “Sagt man es den Kindern?” fragt Simone und in Ihren Augen ist diese Hoffnung, dass jemand Antwort haben könnte auf die Situation, dass es Regeln gibt, denen es zu folgen gilt. Aber es gibt keine Gesetzmäßigkeit, ausser, dass Frank sterben wird, nach Weihnachten, und wir Zeugen werden.

Andreas Dresen hat zunächste wieder einen Film geschaffen auf den das deutsche Kino stoltz sein kann. Es ist ein zutiefst deutscher Film, ein Film aus der berliner Vorstadt mit Ihren Doppelhaushälften, Baumärkten und Carports. Frank arbeitet im Paketzentrum, Simone ist Tramführerin bei der BVG. Franks Vater fährt einen Hart erarbeiteten Mercedes und schimpft über stockenden Verkehr.

Ich glaube “Würde” ist das Wort, dass Dresens Regie am besten charakteresiert. Schon in “Wolke 9”, wo er den Fragen von Liebe im Alter nachging, beeindruckte er mit diesem kompromisslon Blick der alles zeigt ohne bloßzustellen. Er schafft es Intimität von Menschen einzufangen, die über solche Worte nicht nachdenken. Zu Wolke 9 sagte er in einem Chat “das sind aufgeklärte Menschen”; vielleicht sind Dresesn Filme auch “aufgeklärte” Filme. Es gibt bei Ihm keine Überhöhung, keine mystischen Elemente, keine großen Bilder. Sein Blick ist unscheinbar, seine Kamera verschwindet schneller, als die der meisten Regiseure. In “Wolke 9” und “Halt auf freier Strecke”, wo er mit viel Improvisation gearbeitet hat, vergisst man ebenso schnell das Spiel der Schauspieler, fühlt sich nicht mitten in der Geschichte sondern beim Leben der anderen dabei.

Kommen wir zum Deutschen zurück. Es meint für mich eine bestimmte Sachlichkeit in der Nacktheit, in der Darstellung von Sexualität, die Kraft nicht zu poetisieren. Es ist eine “Aufklärung mit menschlichem Antlitz” die Dresen betreibt; Frank in Großaufnahme, wenn er seine Gedanken ins Iphone spricht; sein kleiner Sohn der fragt, ob er es erben wird;

Und irgendwann sitzt Franks Tumor bei Harald Schmidt, und wird gefragt ob er sich nicht manchmla “bösartig” fühle.

Ein großartiger, berührender Film; ein Existenzberechtiungsschein für den Deutschen Film. Mir graut nur schon vor Redakteuren die meinen man könne “das Rezept” “kopieren” – Mut wird aber nicht kopiert sondern erkämpft.

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