Wunderschönes Aschenputtelallerlei: Sleeping Beauty

“Perverse Männerfantasien spalten Cannes” schreibt der Focus zu “Sleeping Beauty”, dem Erstling von Julia Leigh und hat damit so ziemlich alles falsch verstanden.

Emily Browning (gerade in der echten Männerphantasie “Sucker Punch” zu sehen) spielt die wunderschöne Lucy, ein modernes Aschenputtel, Studentin mit alkohlabhängiger Mutter und drei Jobs, die sich ab und an in schicken Bars prostituiert. Irgendwann findet Sie einen kuriosen und lukrativen Nebenverdienst: das nackte Servieren bei feierlichen Tischgesellschaften alter Männer. Später wird aus dem Servieren schlafen werden. Lucy wird dafür bezahlt sich unter  Schlafmitteln nackt in einem Bett zu räkeln. “There will be no penetration. Your Vagina will be a Temple, a holy place” sagt die Organisatorin. “My Vagina is no holy place” antwortet Lucy.

“Sleeping Beauty” ist zunächst einmal ein sehr schöner Film. Die Bilder von Julia Leigh sind gut kadriert in schönen Farben und Fahrten. Emily Browning ist immer wieder wundervoll in Szene gesetzt, und auch die älteren Nebendarsteller der Tischrunde sind in ihrem körperlichen Spiel beeindruckend. Überhaupt funktioniert die Ebene der erotischen Phantasie (Prostitution und “schöner Schlaf”) sehr gut. Leigh schafft hier die Atmosphäre eines Parfüms das süß am Boden entlang kriecht. Natürlich handelt sich nicht um Männderphantasien, sondern um Frauenfantasien. Diese wiederrum erinnern mich sehr an die Filme Cathrine Breillards. In “Anatomy of Hell” geht es ebenfalls um dieses “Betrachtetwerden” des weiblichen Körpers, den Wunsch nach vollständiger Objektwerdung. Beillard hat – so will es der Zufall – 2010 auch einen Film mit dem Namen “Schlafende Schönheit” gedreht. Ansonst kann man “Sleeping Beauty” auch als “reversed Eyes wide Shut” betrachten, Eyes wide Shut” aus der Sicht der Kellnerinnen, mit ein bisschen “Salo”. Ingebord Bachmann wird übrigens auch zitiert.

Die soziale oder “reale” Ebene des Dramas bleibt leider trotz aller versuchter Tiefe aufgesetzt. Lucys Freund “Birdman” sticht zwar aus dem Aschenputtelallerlei hervor, aber vermag diese Ebene des Films nicht zu retten. Lucy bleibt – trotz Brownings sehr guten Spiels – eine Figur der eine Geschichte angetackert wurde. Insgesammt ist “Sleeping Beauty” durch seine schönen Bilder und seine andersartigen, weiblich-obszönen Blickwinkel ein sehenwerter Film. Für die Palme wird es aber zurecht nicht reichen.



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