Szenen einer Ehe, prekär: Miranda Julys “The Future”
„No one belongs here more then You“ heißt ein Erzählband von Miranda July, „Me You and Everyone you know“ (2005) Ihr erster Langfilm. Und schon diese beiden Namen geben einem dieses seltsame Miranda July Gefühl, ein Gefühl, von dem Thomas Groh glaubt, junge New Yorker hätten es einst bei Woody Allen gespürt. Vor der Kritik zu the Future hier also erst einmal eine Einführung in das „July“-Gefühl mit Ihrem Kurzfilm aus dem Jahre 2005: “are you the favorite person of anybody?”
In „The Future“ macht Miranda July die verheerende Wirkung des großen Wollenmüßens erfühlbar. Leider schafft Sie es dabei nicht aus den teilweise brillanten Szenen einen solchen Film zu machen.
Eine gewöhnlich ungewöhnlicher Indie-Plot
Sophie (Miranda July) und Jason (Hamish Linklater) sind ein dreißigjähriges Paar in Los Angeles, die ein Macbookleben zwischen präkerem Job, Alltagskreativität und dem Internet führen; zu den wenigen Konstanten gehört das späte Aufwachen und der Griff nach dem Laptop. Um aus dem Kreislauf des immerneuen Immgergleichen auszubrechen, beschließen Sie eine Katze zu adoptieren. „Paw Paw“, die Katze, muß wegen gebrochener Pfoten noch einen Monat lang im Tierheim bleiben, bevor sie in ihr neues Heim ziehen kann. Dreißig Tage, die Sophie und Jason noch in Freiheit haben bevor – so glauben Sie – alles für immer Anders wird. Dreißig Tanzvideos will Sophie bis dahin auf Youtube einstellen, so viele wieSie in Ihrem Leben nocht nicht gemacht zu haben scheint. Um den letzen Monat in Freiheit ganz auskosten zu können kündigen die beiden erst ihre Jobs und schließlich sogar das Internet. Der Tyrannei einer solchen Freiheit halten beide nicht lange stand: Jason läßt sich als Hausierer einer Bäume verkaufenden Umweltorganisation einspannen, Sophie beginnt eine Affäre mit einem älteren Vorortfabrikanten. Und dazwischen erzählen uns zwei gebrochene Katzenpfoten was es mit der „Zeit“, dem „Wild-„ und „Zuhauseseins“ auf sich hat.

Präzesion des Gefühls
Miranda July ist eine Meisterin des Details, der Szene. Im Hause von Paul etwa, neben dem Sophie etwas steif auf einem Ledersofa sitzt. Eine Weile passiert nichts, dann legt er seine Hand auf Ihren Schenkel. Ohne große Leidenschaft aber auch ohne Schüchternheit. July trifft die Zwischentöne genau. Wir sehen Sophie, wie Sie sich an einem Sessel masturbiert, die Augen geschlossen wie um sich zu verlieren. Paul schiebt ihren Rock hoch und ihren Slip herunter. Er geht ein Kondom holen. Da passiert es: wir sehen eine junge Frau im Haus eines älteren Mannes, ihr Po schaut unter dem hochgeschoben Rock hervor und sieht verloren aus. „Sie muß frieren“ denken wir. Wir sehen nun mit den Augen Sophies eine Reihe willkürlicher Objekte: eine sehr hässliche Vase, eine holzgeschnitzte Maske… Der Raum und Bild sind die Gleichen, aber alle Erotik ist mit einem Mal verschwunden. Miranda Julys Genie, das ist Ihre Präzision des Gefühls.
Irgendwann wird Jason mit dem Mann im Mond sprechen und die Zeit anhalten. Das ist schade, denn July scheint nicht gemerkt zu haben, dass Sie das längst konnte. Wenn Pauls Tocher sich ein Loch in den Garten gräbt, immer wieder hineinsteigt bis wir irgendwann nur noch Ihre zufriedenen Augen sehen, dann läuft zwar der Film weiter die Szene aber bleibt außerhalb der Zeit stehen.
messed up truth
In Ihrem ersten Film, „Me, You and everyone we know“ sind viele solcher Momente in eine Geschichte eingespannt. Und es spielen dort gut erfundene Charaktere, die Julys Begriff von Wahrheit sehr nahe kommen: “What I like best is this sort of complicated messed up truth, like the one that’s like so imperfect that you know it’s true.” Für “The Future” gilt eher die Umkehrung: „It’s not automatically true, just because it’s messed up and imperfect“. Sie habe vieles mit den Charakteren gemein, hört man von July in Interviews. Vielleicht zu vieles, den die Figuren und Szenen des Films wirken oft nicht für den Film erfunden, sondern als hätte Miranda July Sie irgendwo gefunden und mit Gewalt in einen Film gepresst; als würde dieser Film bersten, wenn man Ihn an der falschen Stelle höbe.
Gemeinsam ist den Filmen Ihre grundsätzliche Bejahung der Charaktere; immer lachen Sie über sich, noch bevor wir über Sie lachen können. Weise sind nur Greise, Kinder und Katzen: immer wieder gibt July uns das Gefühl, dass Erwachsensein sei eine eigentlich lästige und anstrengende Phase zwischen dem Ernst der Kinder und der Ruhe der Alten. Deren Liebe bleibt in beiden Filmen etwas unerschütterliches, ein Horizont für all die ungerichtete Hoffnung; ein abgeschlossenes Werk, das Männer als Erzählung vollenden, die ihr „Du“ überlebten.
Trust the machine!
Es ist nicht selten, dass ein Filmemacher an den Erfolg seines Erstlings nicht anknüpfen kann. Woran aber lag es bei Miranda July, dass Ihr erster Film so viel reifer war als dieser Zweite? Fündig werden wir in dem hervorragenden Text „Everyone she knew“ von Scott Macaulay. Er recherchiert präzise die Entstehung von „Me You and Everyone we know“ von der ersten Idee „on the L train to chicago“ bis zum Beginn der Preproduction im Jahre 2004. Dazwischen bewirbt sich Miranda July jedes Jahr beim Writers Lab des Sundance Film Festivals, wird abgelehnt, schreibt neu, wird abgelehnt, wird schließlich eingeladen, schreibt das Buch wieder um. Ein Verantowrtlicher von Sundace erinnert sich:
She submitted to the lab again in the fall, and this time she was accepted. Remembers Satter, “For about a year we had had conversations, and each time I read the script, it had gotten to a new stage. Characters began to jump off the page. It initially felt like short stories that weren’t connected to each other, but it had begun to grow. There was an irony and also a kind of humanism, and the characters were funny and interesting.”
Ich glaube, es ist ein großer romantischer Irrtum – von den sinkenden Produktionskosten durch das digitale Filmemachen befördert – zu glauben, Kunstwerke würden besser, wenn man dem Künstler möglichst freie Hand ließe. Dass das Gegenteil der Fall ist, zeigt uns der Vergleich von „Me You and Everyone we know“ und „The Future“. Künstler müßen beim Denken völlig frei sein, bei der Umsetzung aber gewinnt das Kunstwerk meist, wenn es erklärt, verteidigt und somit wieder und wieder gedacht werden muß. Es ist zu hoffen, dass Miranda July bei Ihrem nächsten Film mehr Hilfe in diesem Sinne haben wird, um Ihre Ideen in eine Form zu schleifen, in der Sie wirklich glänzen können.
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P.S.:
Ein schönes Interview mit Miranda July:
Ein grausamer Beitrag von Arte, bitte vorher die Zahnschiene einsetzen; Es gibt derzeit keinen anderen Trailer:
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eingewisserblick posted this