Adam, Adam, Eva: 3 von Tom Tykwer (2010)
Strommasten fliegen vorbei, zwei Linien aus Überlandkabeln, „Paral-le-lität“ tönt es aus dem Off, Kabel die sich näher kommen und sich voneinander entfernen, „Nicht heiraten - Nicht zusammenziehen - Nicht Kinder “ fragt die Männerstimme „Doch zusammenziehen, Doch Kinder!” die Fahrt wird langsamer, „du stirbst“ sagt Simon (Sebastian Schipper) und wir sehen Ihn auf Hanna (Sophie Rois) liegen. „Wieso ich?“ fragt Sie. Bis hierhin könnte „Drei“, der neue Film von Tom Tykwer, ein genialer Kurzfilm sein. Dann wird es „kompliziert“, wie es später heißen wird.
Hanna und Simon sind in Ihren Vierzigern und seit 20 Jahren ein Paar. Sie ist Fernsehreporterin, er baut Künstlern die Kunstwerke zusammen. Beide stammen sie aus einer nicht näher benannten westdeutschen Provinz und führen ein Leben im Berliner Kunstmilieu aufgebaut, inklusive maßvoll chaotischer Altbauwohnung mit Holzfußboden und Vernissagen. Dann kommt Adam (großartig: Devid Striesow, der manchmal an einen jungen Anthony Hopkins erinnert). Das Experiment beginnt.
Hanna und Simon treffen unabhängig voneinander auf Adam, den Stammzellenforscher, und beginnen beide eine Affäre mit Ihm. Er ist das eigentlich beeindruckende an diesem Film. Er ist nicht nur Stammzellenforscher, sondern auch Sänger und Segler, Fussballspieler und Fussballfan. Eine Art unverdorbener, ostdeutscher Übermann, frei von jeglichem “Unbehagen” der durch nichts zu verführen scheint als durch sein Jungenlächeln. Kein Schamloser Mann, sondern ein der frei von Scham ist. “Hier wohnst du?” fragt Hanna, als das Taxi vor dem Plattenbau stehen bleibt. “Ja” antwortet Adam lächelnd. Sophie Rois gibt die Hanna hier besonders wunderbar, mit einer Mischung aus Sprödheit, Humor und Görentum.
Adam ist auch ein Sinnesmensch, ein Sinnesmensch gegen zwei Kopfmenschen. Der “Besucher“ in Pasolinis “Theorema”, einem ähnlichen Experiment wie auch Tykwer es aufführt, ist ein junger Künstler. Was aber wenn die Bürgerfamilie selbst aus Künstlern besteht? Dann entsteht aus der Antithese heraus ein solcher Adam - ein singender Stammzellenforscher. Die Stammzellenmetapher führt Tykwer weit aus. Wie die Stammzellen die er untersucht ist Adam, “multipontent”, verwandlungs- und universal liebesfähig. Als Simon nach einer homosexuellen Erfahrung mit Ihm, bei einem Bier versucht sich über seine eigene Sexualität klar zu werden, lacht Adam über das Wort “schwul” und schlägt ihm vor sein “deterministisches Biologieverständins zu überwinden“. Der Naturwissenschaftler Adam kategorisiert in der Arbeit, außerhalb ist er von solchen Wünschen frei.
Es sind übrigens die homoerotischen Szenen auf dem berliner Badeschiff, die am stärksten aus dem “Experiment” herausfallen und eigener Intensität gewinnen. Die restlichen Sexszenen - und es gibt davon einige - bleiben recht steril, Platzhalter für Sexuelles, ohne, dass sich der Dialog der Figuren im Sex weiterginge. Am Ende bleibt ein Film der seine Mitte im Gegensatz zu Adam nicht gefunden hat. Ein schöner Film, ein Film der ganz “deutsch” ist, der das berliner Bildungsbürgertum Prenzlauerberger Prägung genau beschreibt (Hanna zu Simon: “warum schämst du dich noch immer einen Mercedes zu fahren?”), seine Herkunft nicht vergisst (Simons 68ger Mutter, gespielt von Angela Winkler, zitiert Hesse und lässt sich nach ihrem Tod von Gunter von Hagen plastinieren) und Berliner Orte und Stimmungen wieder aufleben lässt. Ein Film mit vielen Inhaltlichen und formalen Einfällen, von denen einige leider nicht die Geschichte vorantreiben. So ist aus “Drei” trotz großartiger Schauspieler und guter Ideen kein Meisterwerk entstanden. Tom Tykwer hat es nicht geschafft das “junge deutsche Kino” in sich zu zähmen - dabei hätte er Präzision der Erzählung und Willen zur Form von Jüngeren lernen können: Maren Ade z.B., deren “Alle Anderen” von den Cahiers du Cinema gerade als “Meisterwerk” gewürdigt wurde.