Wolkenkratzen: Margin Call

Zu Beginn sehen wir die Skyline der Wallstreet im Weitwinkel: im Zentrum wirken die Türme imposanter, aber an den Rändern krümmt sich die Welt. Die Wolken ziehen im Zeitraffer vorbei. Sonnenglitzern springt über die Fassaden der Wolkenkratzer. Wallstreet, NY - das war eine Positionsangabe. Die meiste Zeit werden wir in den höheren und tieferen Etagen eines dieser Türme verbringen, und in den Aufzügen dazwischen.

„Margin Call“ versucht den Beginn der Finanzkrise abzubilden, als die Immobilienpapiere der Lehmann Bothers über Nacht praktisch wertlos wurden. (Der Chef der Filmbank heißt passenderweise „Tuld“, der letzte Vorstandvorsitzende der Lehman Brothers „Fuld“). Der Film beginnt mit einer Kündgungswelle: ein Großteil der Etage „Risikokalkulation“ wird vor die Tür gesetzt. Derweilen sitzt deren Chef Sam (Kevin Spacey) in seinem Büro und trauert um seinen krebskranken Hund. Wenn die Mitarbeiter nach Kündigungsgespräch zurück in Ihr Büro kommen, stehen dort zwei kleine Umzugskisten bereit. So auch in Eric Dales Büro (Stanley Tucci), der noch aus dem Aufzug, mit den Worten „be careful“, seinem jungen Mitarbeiter Peter Sullivan (Zachary Quinto) einen USB-Stick übergibt. Peter Sullivan entnimmt den Daten dramatisches: die Immobilienpapiere, die die Bank besitzt sind eigentlich wertlos, nur weiß es noch keiner. Immer mehr Menschen werden in dieser Nacht ins Büro gerufen, der Aufzug steigt Etage um Etage, bis am Morgen eine Entscheidung zu fällen ist.

Sabine Horst schreibt in der Zeit von „Kriegsmethaphern“ und „Frontschweinen“. Interessanter an „Margin Call“ ist aber, dass er uns in die Wahrnehmung der Banker eintauchen lässt. Zunächst einmal die Raumwahrnehmung. Ein Großteil des Film spielt im Bürogebäude. Der Wolkenkratzer ist die Welt. Im Aufzug geht es nach oben oder nach unten; unten werden die Abfindungspakete geschnürt. Aus dem Wolkenkratzer erscheint New York als schöne Kulisse, manchmal ziehen die Wolken und Autos im Zeitraffer dahin. Die Zeit drinnen ist abgekoppelt von der Zeit draußen. Bis Mittag werden alle Papiere verkauft sein müssen. „Wall Street“ - der Vergleich ist für einen Finanzthriller ja unumgänglich – spielte draußen, auf den Straßen, in den schönen Wohnungen, bei den schönen Frauen. Dort wurde Geld gemacht, um die Welt zu kaufen. Auch wenn der Untertitel „Every dream has a price“ lautete – noch gab es diesen Traum. In Margin Call ist davon wenig übrig geblieben. Wenn wir die Charaktere draußen sehen, wie Peter Sullivan und Sam, die sich im Morgengrauen beim Luftschnappen vor der Bank begegnen, dann sehen wir, dass Sie zwar ein Leben außerhalb haben - dass Sie dort aber ebenso seltene Gäste sind wie wir.

„Margin Call“ ist ein sehr gut gespielter Finanzthriller, der die Spannung der Beteiligten auf den den Zuschauer überträgt. „It’s just Money. Just Paper with some faces on it so we don’t have to kill eachother to eat something“ sagt Tuld am Ende. „It’s just Elevators“ könnte man im Nachhinein sagen, aber den Film über ist man mit im Aufzug, und bangt in welche Richtung er fahren wird.

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