Liebe, Liebe und Tod: Beginners

„Arthur, du lebt jetzt bei mir. Das ist das Badezimmer. Das ist das Wohnzimmer. Das ist das Esszimmer wo manchmal Leute zum Essen kommen.“ Arthur ist ein Hund, und antwortet in den Untertiteln. Das ist weniger wunderlich, weiß man, dass Mike Mills der Mann von Miranda Julie ist, und dies sein zweiter Film Beginners. Wie schon in „Thumbsucker“ (2005 ) - zu erinnern allein schon wegen Keanu Reeves als esoterischem Hypnose-Zahnarzt- ist es eine wunderbare Tragikomödie. Es ist ein Film über Liebe, Liebe und Tod – Zustände die man nicht üben kann.

Ging es in Thumbssucker noch um das Erwachsenwerden, geht es in Beginners um das Erwachsensein. Oliver (Ewan McGregor) ist Anfang dreißig, Grafiker und gerade dabei einer Band „die Geschichte der Traurigkeit“ als Booklet zu verkaufen. Er ist einer dieser schönen etwas zu ernst geratenen Männer, die im Indie-Kino glücklich werden dürfen. Auf einer Party trifft er – als Sigmund Freud verkleidet – auf Anna (Mélanie Laurent) und im „du sagst wohin, ich lenke“-Modus fahren Sie durch die Nacht. Das ist eine Liebesgeschichte die „Beginners“ erzählt, und die immer mehr durchsetzt wird von Olivers Erinnerungen an seinen vor kurzem verstorbenen Vater. Die Geschichte des Vaters Hal (Christopher Plummer), wie Sie uns Oliver erzählt, ist die Geschichte eines Mannes, der nach dem Tode seiner Ehefrau entscheidet „nicht nur schwul zu sein, sondern es auch zu leben.“ Über eine Kontaktanzeige lernt er Andy (Goran Visnjic) kennen, der kaum älter ist als sein Sohn Oliver und mit dem bis zu seinem Tode in einer heiteren Beziehung lebt, inklusive schwuler Videoabende und politischem Engagement in Form von Brieffrankierrunden um den Esstisch.

Beginners ist voll von den Kleinigkeiten, die Filmemacher nicht machen sollten, die man aber sehr gerne sieht, wenn Filmemacher sie gut machen. Voiceover zum Bespiel, Voiceover wie in der Nouvelle Vague, die heute Oliver selbst spricht, und kein Autor mit tiefer Stimme. Die grafischen Einlagen, wenn Mills Olivers Erinnerungen einleitet mit: „so sah die Sonne damals aus, und die Frauen und die Sterne, dass war der Präsident.“ Durch die vielen Stilmittel und Erzählstränge aus dem Kopf Olivers ist „Beginners“ ein chaotischer Film. Es ist kein unangenehmes Chaos, weil Mills präzise im Gefühl bleibt. Besonders gelungen ist die Geschichte von Hal, Andy und Oliver, eine Geschichte der Freundschaft zwischen Vater und Sohn, mit umgedrehten Vorzeichen: einem Alten, voller Neugierde auf das Leben und einem Jungen in änglicher Stagnation. Sicherlich ist es auch den biographischen Bezügen zu verdanken, dass Mills in solch gute Mischung aus Melancholie, Humor und Tiefe gelingt. Leider funktioniert die Liebesgeschichte zwischen Oliver und Anna weniger gut. Sie ist angelegt als Gegenmodell zur Liebe Hals und Andys, die trotz des großen Konfliktpotentials einfach und leicht ist. Die Liebe des ernsten jungen Mannes und der schönen jungen Frau hat keine Hindernisse und ist trotzdem immer vom Scheitern bedroht. Mills inszeniert den Beginn der Liebe von Oliver und Anna in einem Reigen von Glücksbildern: Autofahren auf dem Bürgersteig, mit Freunden Graffiti sprühen auf einer Brücke, mit Rollschuhen durch eine Hotellobby fahren (die sehr an den Louvre in „band apart“ erinnert). Das Ganze zu schönes das Ganze unterlegt mit schöner Musik. „Es fühlt sich einfach gut an“ sagt Oliver mit sehr erstaunter Stimme zu Arthur, und der Hund antwortet dem Autor der „Geschichte der Traurigkeit“ mit „Ich hoffe das bleibt so.“ Der Satz den Oliver zum Ende des Filmes hin sagt „Es fühlt sich nicht so an, wie es sich anfühlen sollte“ ist eine präzise Diagnose der Gefühlslage einer Generation. Aber er kommt plötzlich, ohne Momente der Langsamkeit oder der Langeweile. Der Interviewe von Negativ-Film zeigte sich beeindruckt vom „lebensechten Schauspiel“ von Anna und Oliver. Für mich wurde die Liebesgeschichte der beiden – leider - bald zu einem Klischee von Authentizität. Vielleicht sind Mills Bilder vom Glück zu nah an den meinen; vielleicht darf das Kino nicht Bilder vom Glück selbst sondern nur Vorstufen zeigen, die abbaubar sind zu Glück, in Glück übersetzbar. Anna und Olivers Glück war nicht das Ihre sondern ein fertiges Indie-Glück, aber Ihr Scheitern, das war unser Scheitern, an genau diesen Bildern davon wie „es sich anfühlen sollte.“

  1. eingewisserblick posted this
blog comments powered by Disqus