Berlinale Roundup [ein Beitrag von Sahand Zamani]

Who I think will win:
Best Film Golden Bear: ”Tabu” (Portugal, Germany, Brasilia)
Best Actor : Mads Mikkelsen in “A Royal Affair” (Denmark, Czech Republic, Sweden, Germany)
Best Actress: Lea Seydoux in “Sister” (Switzerland, France) or Nina Hoss in “Barbara” (Germany)
Best Director: Taviani Brothers for “Ceasar must die” (Italia) or Bence Fliegauf for “Just the wind” (Hungary) or Ursula Meier for “Sister” (Switzerland,)
Best Screenplay: Kim Fupz Akeson from Norway for “Mercy” (Germany)
Who I think should win:
Best Film Golden Bear and Best Director:
“Tabu” Because it is simply the best thing I saw this year and because of its anachronistic and unique narration that never becomes annoying. It made me think “film” still has some surprises for us while everyone is already writing obituaries on the art. A story told with the naivety of a beautiful mind and rich in a deep intellectual way. The actors flirt with our imagination and let us carry on into a romance that bears horrors from the past.
Best Screenplay:
This year I have seen many good films that could have been great but lacked a better script, so I can’t really say I loved a screenplay this year. But I will be happy if the Silver Bear for screenplay goes to the brothers Paolo and Vitterio Taviani who with “Ceaser must die” wrote a good script with an original type of narration but without surprises and just a few flaws. Kim Fupz Akeson’s original Screenplay for “Mercy” would have deserved the award had it not to suffer through the horrible mutilations made by Matthias Glasner.
Best Actor:
Mads Mikkelsen in “A Royal Affair”; watching him performing as Dr. Johan Struensee was a pleasure and a proof of concept: An actor can transport a whole character from anywhere, anytime and any culture to everywhere, just with the use of this craft and without tons of explanatory dialog; but more importantly an actor can share his thoughts without ever speaking them out loud. Mads Mikkelsen proofs this theory when he plays Struensee realizing his own transformation to a tyrant, or when he understands that no pardon but decapitation awaits him. In an instant Struensee understands the scheme and we his dilemma and fate.
Best actress:
Diane Krueger deserves the bear for a coherent interpretation of an all too well known role and character which has been disguised by stupid repetition of clichés and wishful thinking throughout history. Diane Kreuger pieces together a character; an actress in the situation in which Marie Antoinette was, rather than imitating a historically formed predefined Princess. Her performance remembered me of Bertolt Brechts idea of acting while never forgetting that it is an act in which the intellectual performance is dominating the physical. But of course, these days this style is not very much “en vogue”. So I am prepared to be disappointed by the Jury. Although I could live with the price going to Nina Hoss in “Barbara”, in my opinion her best performance yet.
Im Zweifel gegen die Kunst: Monte Hellmanns „Road to Nowhere“
Eine Hand schiebt eine DVD in den Laptop. Handschriftlich ist der Titel darauf vermerkt: „Road to Nowhere“. Die Kamera zoomt in den Laptopbildschirm, wo der Film beginnt. Eine schöne junge Frau fährt ihr Auto an den Rand eines Sees, stellt den Motor ab, und sieht durch die Windschutzscheibe ein Flugzeug senkrecht in den See stürzen und darin versinken.
Der junge Regisseur Mitchell Haven (Tygh Runyan ) dreht einen Film über einen ungeklärten Mord im Süden der USA. Wir sehen Ihn recherchieren, Interviews geben, den Cast aussuchen und mit Produzenten und Drehbuchautoren trinken. Wir sehen Ihn eine unbekannten Schauspielerin („she played in one exploitation-movie before“) in Rom aufsuchen, und mit Ihr am am Trevibrunnen sitzen. Lorie (Shannyn Sossamon) bekommt die Hauptrolle, und ja, Mitchell verliebt sich in Sie. Wir sehen Filmszenen und Produktionsszenen, wir sehen die Hotels und Trailerparks in denen die Filmcrew absteigt, die Proben der Schauspieler und die Sorgen des Drehbuchautoren. Wir sehen Regisseur und Schauspielerin dabei zu wie Sie im Bett Filme sehen, Meisterwerke der Filmgeschichte, die Mitchell jeweils mit “fucking masterpiece” kommentiert. Manchmal sehen wir verschiedene Schnittfassungen der gleichen Szene.
Das alles klingt nach einem wunderbaren Film über das Filmemachen, nach einer feingliedrigen Indie-Version von Stardust Diarys oder 8 ½. Das ist “Road to Nowhere” nicht. Der Film ist widerborstig, und widersetzt sich immer wieder dem kausalen Verständnis. Der Film im Film, ein mysteriöser Film Noir, nimmt viel Platz ein, kann aber vom Zuschauer nicht verstanden werden, da er – und hier ist „Road to nowhere“ logisch – nicht chronologisch gedreht wird. Trotzdem ist es Absicht uns nichts verstehen zu lassen, denn es wäre ein Leichtes gewesen in einer der Interviewszenen den Plot zu erläutern. Es hat zunächst auch einen gewissen Reiz, sich ganz mit den Schauspielern (in Ihrer Rolle als Schauspieler) befassen zu müssen: War das gerade ein guter Take? War das nur eine Probe?
Aber selbst das beeindruckende Spiel von Shannyn Sossamon (nicht nur im Film eine Entdeckung), kann über 90 Minuten keine Dramaturgie ersetzen. Es ist legitim, dass der Film sich einer kausalen Deutung widersetzt; es ist ebenfalls legitim, den Zuschauer auf falsche Fährten zu locken und seine Sinne schärfen zu wollen. Langeweile aber ist ehrlich, und ich vertraue Ihr blind. Wenn es uns auf halber Strecke egal wird, was mit den Protagonisten passiert, dann deswegen, weil „Road to Nowhere“ sich auch einer emotionalen Durchdringung verweigert. So stellt sich der Filmtitel als Versprechen heraus, und der Film bleibt – trotz großartiger Schauspieler und vieler guten Ideen - ein Kunststück, wo ein wichtiger Film hätte sein können.
Wolkenkratzen: Margin Call
Zu Beginn sehen wir die Skyline der Wallstreet im Weitwinkel: im Zentrum wirken die Türme imposanter, aber an den Rändern krümmt sich die Welt. Die Wolken ziehen im Zeitraffer vorbei. Sonnenglitzern springt über die Fassaden der Wolkenkratzer. Wallstreet, NY - das war eine Positionsangabe. Die meiste Zeit werden wir in den höheren und tieferen Etagen eines dieser Türme verbringen, und in den Aufzügen dazwischen.
„Margin Call“ versucht den Beginn der Finanzkrise abzubilden, als die Immobilienpapiere der Lehmann Bothers über Nacht praktisch wertlos wurden. (Der Chef der Filmbank heißt passenderweise „Tuld“, der letzte Vorstandvorsitzende der Lehman Brothers „Fuld“). Der Film beginnt mit einer Kündgungswelle: ein Großteil der Etage „Risikokalkulation“ wird vor die Tür gesetzt. Derweilen sitzt deren Chef Sam (Kevin Spacey) in seinem Büro und trauert um seinen krebskranken Hund. Wenn die Mitarbeiter nach Kündigungsgespräch zurück in Ihr Büro kommen, stehen dort zwei kleine Umzugskisten bereit. So auch in Eric Dales Büro (Stanley Tucci), der noch aus dem Aufzug, mit den Worten „be careful“, seinem jungen Mitarbeiter Peter Sullivan (Zachary Quinto) einen USB-Stick übergibt. Peter Sullivan entnimmt den Daten dramatisches: die Immobilienpapiere, die die Bank besitzt sind eigentlich wertlos, nur weiß es noch keiner. Immer mehr Menschen werden in dieser Nacht ins Büro gerufen, der Aufzug steigt Etage um Etage, bis am Morgen eine Entscheidung zu fällen ist.
Sabine Horst schreibt in der Zeit von „Kriegsmethaphern“ und „Frontschweinen“. Interessanter an „Margin Call“ ist aber, dass er uns in die Wahrnehmung der Banker eintauchen lässt. Zunächst einmal die Raumwahrnehmung. Ein Großteil des Film spielt im Bürogebäude. Der Wolkenkratzer ist die Welt. Im Aufzug geht es nach oben oder nach unten; unten werden die Abfindungspakete geschnürt. Aus dem Wolkenkratzer erscheint New York als schöne Kulisse, manchmal ziehen die Wolken und Autos im Zeitraffer dahin. Die Zeit drinnen ist abgekoppelt von der Zeit draußen. Bis Mittag werden alle Papiere verkauft sein müssen. „Wall Street“ - der Vergleich ist für einen Finanzthriller ja unumgänglich – spielte draußen, auf den Straßen, in den schönen Wohnungen, bei den schönen Frauen. Dort wurde Geld gemacht, um die Welt zu kaufen. Auch wenn der Untertitel „Every dream has a price“ lautete – noch gab es diesen Traum. In Margin Call ist davon wenig übrig geblieben. Wenn wir die Charaktere draußen sehen, wie Peter Sullivan und Sam, die sich im Morgengrauen beim Luftschnappen vor der Bank begegnen, dann sehen wir, dass Sie zwar ein Leben außerhalb haben - dass Sie dort aber ebenso seltene Gäste sind wie wir.
„Margin Call“ ist ein sehr gut gespielter Finanzthriller, der die Spannung der Beteiligten auf den den Zuschauer überträgt. „It’s just Money. Just Paper with some faces on it so we don’t have to kill eachother to eat something“ sagt Tuld am Ende. „It’s just Elevators“ könnte man im Nachhinein sagen, aber den Film über ist man mit im Aufzug, und bangt in welche Richtung er fahren wird.
Liebe, Liebe und Tod: Beginners
„Arthur, du lebt jetzt bei mir. Das ist das Badezimmer. Das ist das Wohnzimmer. Das ist das Esszimmer wo manchmal Leute zum Essen kommen.“ Arthur ist ein Hund, und antwortet in den Untertiteln. Das ist weniger wunderlich, weiß man, dass Mike Mills der Mann von Miranda Julie ist, und dies sein zweiter Film Beginners. Wie schon in „Thumbsucker“ (2005 ) - zu erinnern allein schon wegen Keanu Reeves als esoterischem Hypnose-Zahnarzt- ist es eine wunderbare Tragikomödie. Es ist ein Film über Liebe, Liebe und Tod – Zustände die man nicht üben kann.
Ging es in Thumbssucker noch um das Erwachsenwerden, geht es in Beginners um das Erwachsensein. Oliver (Ewan McGregor) ist Anfang dreißig, Grafiker und gerade dabei einer Band „die Geschichte der Traurigkeit“ als Booklet zu verkaufen. Er ist einer dieser schönen etwas zu ernst geratenen Männer, die im Indie-Kino glücklich werden dürfen. Auf einer Party trifft er – als Sigmund Freud verkleidet – auf Anna (Mélanie Laurent) und im „du sagst wohin, ich lenke“-Modus fahren Sie durch die Nacht. Das ist eine Liebesgeschichte die „Beginners“ erzählt, und die immer mehr durchsetzt wird von Olivers Erinnerungen an seinen vor kurzem verstorbenen Vater. Die Geschichte des Vaters Hal (Christopher Plummer), wie Sie uns Oliver erzählt, ist die Geschichte eines Mannes, der nach dem Tode seiner Ehefrau entscheidet „nicht nur schwul zu sein, sondern es auch zu leben.“ Über eine Kontaktanzeige lernt er Andy (Goran Visnjic) kennen, der kaum älter ist als sein Sohn Oliver und mit dem bis zu seinem Tode in einer heiteren Beziehung lebt, inklusive schwuler Videoabende und politischem Engagement in Form von Brieffrankierrunden um den Esstisch.
Beginners ist voll von den Kleinigkeiten, die Filmemacher nicht machen sollten, die man aber sehr gerne sieht, wenn Filmemacher sie gut machen. Voiceover zum Bespiel, Voiceover wie in der Nouvelle Vague, die heute Oliver selbst spricht, und kein Autor mit tiefer Stimme. Die grafischen Einlagen, wenn Mills Olivers Erinnerungen einleitet mit: „so sah die Sonne damals aus, und die Frauen und die Sterne, dass war der Präsident.“ Durch die vielen Stilmittel und Erzählstränge aus dem Kopf Olivers ist „Beginners“ ein chaotischer Film. Es ist kein unangenehmes Chaos, weil Mills präzise im Gefühl bleibt. Besonders gelungen ist die Geschichte von Hal, Andy und Oliver, eine Geschichte der Freundschaft zwischen Vater und Sohn, mit umgedrehten Vorzeichen: einem Alten, voller Neugierde auf das Leben und einem Jungen in änglicher Stagnation. Sicherlich ist es auch den biographischen Bezügen zu verdanken, dass Mills in solch gute Mischung aus Melancholie, Humor und Tiefe gelingt. Leider funktioniert die Liebesgeschichte zwischen Oliver und Anna weniger gut. Sie ist angelegt als Gegenmodell zur Liebe Hals und Andys, die trotz des großen Konfliktpotentials einfach und leicht ist. Die Liebe des ernsten jungen Mannes und der schönen jungen Frau hat keine Hindernisse und ist trotzdem immer vom Scheitern bedroht. Mills inszeniert den Beginn der Liebe von Oliver und Anna in einem Reigen von Glücksbildern: Autofahren auf dem Bürgersteig, mit Freunden Graffiti sprühen auf einer Brücke, mit Rollschuhen durch eine Hotellobby fahren (die sehr an den Louvre in „band apart“ erinnert). Das Ganze zu schönes das Ganze unterlegt mit schöner Musik. „Es fühlt sich einfach gut an“ sagt Oliver mit sehr erstaunter Stimme zu Arthur, und der Hund antwortet dem Autor der „Geschichte der Traurigkeit“ mit „Ich hoffe das bleibt so.“ Der Satz den Oliver zum Ende des Filmes hin sagt „Es fühlt sich nicht so an, wie es sich anfühlen sollte“ ist eine präzise Diagnose der Gefühlslage einer Generation. Aber er kommt plötzlich, ohne Momente der Langsamkeit oder der Langeweile. Der Interviewe von Negativ-Film zeigte sich beeindruckt vom „lebensechten Schauspiel“ von Anna und Oliver. Für mich wurde die Liebesgeschichte der beiden – leider - bald zu einem Klischee von Authentizität. Vielleicht sind Mills Bilder vom Glück zu nah an den meinen; vielleicht darf das Kino nicht Bilder vom Glück selbst sondern nur Vorstufen zeigen, die abbaubar sind zu Glück, in Glück übersetzbar. Anna und Olivers Glück war nicht das Ihre sondern ein fertiges Indie-Glück, aber Ihr Scheitern, das war unser Scheitern, an genau diesen Bildern davon wie „es sich anfühlen sollte.“
Super: die Heldenaffen
“Planet der Affen Prevolution” ist ein Prequel zur 1968 begonnen Planet der Affen Reihe. Ein wundervoller SciFi-Actionfilm und absolut sehenswert.
Will Rodman (James Franco) ist Forscher bei Genesys, und entwickelt eine Gentherapie gegen Alzheimer an dem auch sein Vater leidet. Tests an Menschenaffen zeigen, dass sich durch das Medikament die kognitiven Fähigkeiten stark verbessern, die Forschung wird aber zunächst aus Geldgründen eingestellt. Als alle Affen wegen der Beendigung des Projekts getötet werden, nimmt Will Cesar, ein Affenbaby, nach Hause, das diese genetischen Anlagen geerbt hat. Im Heranwachsen kommt er mit der menschlichen Gesellschaft in Kontakt und führt schließlich die Befreiung der Affen in San Francisco an.
„Der erste Film erzählt aus der Perspektive eines intelligenten Tieres“ rühmen sich die Produzenten. Aber es war wirklich eine gute Idee die Geschichte aus Cesars Sicht zu erzählen. Die Grundidee des Plantets der Affen, dass die menschliche Gesellschaft sich moralisch überlebt hat, setzt dieser Film geschickt um, und befriedigt damit auch unser Bedürfnis als Zuschauer. Cesars Aufstieg zum Führer der Affen wird als mythische Heldwerdung erzählt: Trennung von den Liebsten, Erniedrigung, schließlich Aufstieg unter den seinen und Sieg gegen die Feinde.
Heute, in postheroischen Zeiten, ist es uns suspekt ungebrochene Helden zu sehen. Wenn aber wenn menschliche Affen das Joch der Knechtschaft abwerfen, sich aus Parkzäunen Speere herausreißen und damit gegen Gewehre kämpfen, dann können wir uns wohlig in den Kinosessel pressen und all unsere Sehnsüchte nach Heldentum befriedigen. Der Kampf der Affen ist dabei immer von antiken Motiven geprägt: sie bilden Phalanxen und kämpfen mit Schildern und Speeren, die Sie durch Umdeutung von Dingen schaffen, die Sie in der Stadt finden. Die Finale Schlacht findet auf der Golden Gate Bridge statt. Wir hoffen, dass die Affen siegen, denn ganz nach dem Original von „Planet of the Apes“ sind Sie die besseren Menschen.
Visuell ist der Film packend, klassisch erzählt, aber mit vielen spannenden visuellen Details gespickt wenn die Affen sich die Stadt “aneignen”. Jeder der großes Unterhaltungskino schätzt kann sich auf den Film freuen.
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Trivia: Die Vorlage zum allerersten Planet der Affen, stammt französischen Schriftsteller Pierre Boulle der auch „die Brücke am Kwai“ schrieb. Beide verfilmungen der so unterschiedlichen Bücher wurden riesige Kinoerfolge.
„Und täglich grüßt das Murmeltier“ auf Ecstasy: Sourcecode
Duncan Jones Film hat man mit Bangen erwartet. Zweierlei Bangen: wir wollten man nach Moon, wieder einen unterhaltsamen SiFi-Film mit Tiefgang sehen; und wir wollten den sympatischsten lebenden jungen Filmemacher (eingewisserblick) nicht einen schlechten zweiten Film abliefern sehen. Nach dem Sourcecode-Preview können wir Jonesanhänger uns entspannt zurücklehnen. Sourcecode kann nicht ganz an Moon anschließen, ist aber für einen ersten zweiten Film sehr gelungen.
Colter Stevens (Jake Gyllenhaal, aus Brockeback Mountain) ist ein Airforce-Piloten auf einer Mission im „Source Code“ - einer Art Simulation mit der es möglich ist in die letzten acht Minuten eines Verstorbenen einzutauchen. Seine Acht-Minuten-Mission wiederholt sich so lange bis er die Bombe findet, die einen Zug sprengte. Aber warum will Ihm keiner sagen wo er sich befindet, und was wird mit Ihm geschehen, wenn er die Bombe gefunden hat?
Viele Kritiker haben bemerkt, dass der Plot etwas verwaschen ist. Tatsächlich kann man die Geschichte nicht vollends logisch auflösen. Es ist aber nicht weiter störend, da der Film ein Tempo vorgibt, dass einen nicht lange darüber grübeln läßt; und es macht Spaß, das selbe Zugabteil immer wieder neu zu entdecken.
Mit dem zweiten Film können wir schon eine Handschrift Ducan Jones entrdecken: er läst die Schauspieler immer ein wenig ein wenig expressiver spielen, als man es gewohnt ist. Und seine Schauspieler setzen das wunderbar um. A train bigger than life - ein schöner, actiongeladener, SiFi-Film!
Nachtrag Cannes (TATSUMI, THE DAY HE ARRIVES, TREE OF LIFE)
Rückreisen und Heimkünfte sind nervenaufreibend, deswegen erst jetzt ein paar kurze Kritiken zu drei Filmen die mehr Worte verdient hätten.
Beginnen wir mit Tasumi, einem Film von Erich Khoo, dem einizigen Animationsfilm den wir in Cannes sahen. Der Film ist eine beeindruckende Kollage aus dem Biographie und Werkportrait, und nach einer Weile gibt man es auf die beiden von einander trennen zu wollen, und taucht ganz ein in die Welt von Yoshihiro Tatsumi, dem Begründer und Meister der „Gekiga“. „Gekiga“, so erklärt uns der Film, sind „Manga“ für Erwachsene, gezeichnete Geschichten die auch vor dem schockierenden und makaberen nicht zurückschrecken.
(ausserdem ein Making of: http://www.youtube.com/watch?v=Ke7Nf2_EwOc)
Ich wünsche mir sehr, dass Tasumi auch in Deutschland in die Kinos kommt; bei dem geringen Comicinteresse hierzulande scheint es mir aber unwahrscheinlich. Auf jeden Fall ein Film, den man seine Videothek zu kaufen zwingen sollte!
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Wer dieses Blog schon länger verfolgt, wird wissen, dass ich ein großer Verehrer von Hong SangSoo bin. Im lezten Jahr war er mit Hahaha in Cannes vertreten. Dieses Jahr ging er mit „The Day he arrives“ ins Programm.
Seongjun (YU Junsang) kommt aus der Provinz nach Seoul zurück, um dort einen Freund zu besuchen. Er ist Reggiseur (Küstler sind Sansoos Figuren immer) und Professor an einer Provinzhochschule. Auch alle Menschen die er in der Stadt trifft – drei Generationen von Protagonisten – kreisen um das Kino, ohne je einen Film zu machen. Filmstudenten, Filmprofessoren, Filmemacher ohne Filmideen. Rudolph Thome – auch ein Sangsoo-Fan – soll in einem Interview gesagt haben in Deutschland hätte man Ihn für einen Film über Filmemacher zerrissen. Aber „The Day he Arrives“ ist weniger ein Film über das Filmemachen, es ist mehr ein Film über Hoffnungen und Ihren verführerischen Geschmack.
Ein klassischer Sangsoo: Kunst, Liebe, Hoffnung, mässiger Erfolg, großer Genuss.
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Am wenigsten gerecht werde ich Malicks „Tree of Life“ werden können. Aufwendige Kritiken gibt es zu diesem Film glücklicherweise viele. Ich wage nicht mehr als einen Eindruck.
Am Anfang war der große Knall, dann gab es eine Sonne, die Erde war ein Feuerball, kühle sich ab, Leben entstand, wuchs, ging an Land, veränderte seine Form; das Land wurde grün, durch das Grün liefen Dinosaurier, ein Asteroid tötet Sie… All das, so scheint Malick uns sagen zu wollen, vergessen wir im Kino, wo es auf der Leinwand selten etwas anderes gibt als Menschen. Zwanzig Minuten Universum. Mit Symphoniebegleitung und Großaufnahme, dass, was man sonst nur Nachts auf Phönix sieht.
Eine Schlüsselszene der Urzeit: Ein Dinosaurier tränkt sich am Fluss. Ein Anderer pirscht heran und wirft Ihn zu Boden. Seine Tatze bedeckt das Gesicht des Ersten; zwischen seinen drei Zehen sehen sehen wir das Auge des Besiegten. Der Angreifer steht eine Weile da, dann hebt er langsam die Tatze und läuft davon. Die Erfindung der Güte.
„Die Familie ist das Universum des Individuums“
Wie Malick den Sprung aus dem Universum in die Familie geschafft hat, daran kann ich mich nicht mehr erinnern. Wir verfolgen nun das Leben Jacks (Hunter McCracken) und seiner Brüder in den fünfziger Jahren. Mr. O’Brien (Bratt Pitt) gibt einen Fabrikangestellten der mehr erreichen will; der sich vom Leben um seienn Teil betrogen sieht, und meint Härte sei der weg es sich zu holen. Brad Pitt gibt diesem Vater im Laufe der Erzählung eine Tiefe, die uns erschrecken läßt vor der Wut die in diesem spröden Mann lodert. Und uns näher an Jack heran bring, auf den sich diese Wut verebt hat. Malick setzt ein weibliches und ein männliches Prinzip gegeneinander. Es sind nicht ganz aufzulösende Kindereindrücke von väterlicher Macht, mütterlicher Schönheit und der Unendlichkeit des Waldstücks. Am Ende wird Jack zu Sean Penn und der Film undurchdringlich Methaphysisch. Menschen laufen am Meer. Frauen und deren Töchter. Ich muß an „Mirror“ von Tarkowski denken, aber hier fühlt es sich übertrieben bedeutungsschwanger an.
Unvergesslich ist die Kamera von Emmanuel Lubezki. Sie ist wie an Schatten montiert, immer in Bewegung, nimmt vorweg, heftet die Schauspieler mal in Malicks Welt fest, und gibt unseren Blicken manchmal so etwas wie Beweungsfreiheit.
Ich glaube der Preis war so verdient, wie der Film gewagt war. Ich bin überzeugt, dass viele Federn, die den Film verdammen in einer Logik schreiben die da heißt „wie viele gute Filme hätte man mit diesen Mitteln machen können“. Diese Logik ist falsch; Es gibt verschiedene Geschichten, und manche Geschichten können nicht anders erzählt werden als mit Aufwand und viel Geld; Ich freue mich darüber, dass das noch immer gelingen kann. Das im europäischen Förderkino Wahnsinn normiert ist, und Geld knapp, sollte uns nicht davon abhalten uns an Hollywoods gigantischer Bildmaschine zu erfreuen so lange es noch geht.
Dresens “Halt auf Freier Strecke”
Einige waren direkt nach dem letzten Bild aus dem Saal geeilt, wir anderen standen und klatschten; klatschten vielleicht auch die Augen trocken. Andreas Dresen und die Schauspieler von “Halt auf freier Strecke” wußten nicht recht wohin zwischen Samt und Applaus. Sie standen zusammen wie eine Heilbronner Familie die gerade aus dem ICE gestiegen ist und staunten.
Frank (Milan PESCHEL) und Simone (Steffi KÜHNERT) sitzen sehen den Arzt an, der macht in kleine Nickbewegungen und sagt Füllworte. Dazwischen kommen die Worte “Gehintumor”, “wenn man operiert” und nicht operabel. “Sagt man es den Kindern?” fragt Simone und in Ihren Augen ist diese Hoffnung, dass jemand Antwort haben könnte auf die Situation, dass es Regeln gibt, denen es zu folgen gilt. Aber es gibt keine Gesetzmäßigkeit, ausser, dass Frank sterben wird, nach Weihnachten, und wir Zeugen werden.
Andreas Dresen hat zunächste wieder einen Film geschaffen auf den das deutsche Kino stoltz sein kann. Es ist ein zutiefst deutscher Film, ein Film aus der berliner Vorstadt mit Ihren Doppelhaushälften, Baumärkten und Carports. Frank arbeitet im Paketzentrum, Simone ist Tramführerin bei der BVG. Franks Vater fährt einen Hart erarbeiteten Mercedes und schimpft über stockenden Verkehr.
Ich glaube “Würde” ist das Wort, dass Dresens Regie am besten charakteresiert. Schon in “Wolke 9”, wo er den Fragen von Liebe im Alter nachging, beeindruckte er mit diesem kompromisslon Blick der alles zeigt ohne bloßzustellen. Er schafft es Intimität von Menschen einzufangen, die über solche Worte nicht nachdenken. Zu Wolke 9 sagte er in einem Chat “das sind aufgeklärte Menschen”; vielleicht sind Dresesn Filme auch “aufgeklärte” Filme. Es gibt bei Ihm keine Überhöhung, keine mystischen Elemente, keine großen Bilder. Sein Blick ist unscheinbar, seine Kamera verschwindet schneller, als die der meisten Regiseure. In “Wolke 9” und “Halt auf freier Strecke”, wo er mit viel Improvisation gearbeitet hat, vergisst man ebenso schnell das Spiel der Schauspieler, fühlt sich nicht mitten in der Geschichte sondern beim Leben der anderen dabei.
Kommen wir zum Deutschen zurück. Es meint für mich eine bestimmte Sachlichkeit in der Nacktheit, in der Darstellung von Sexualität, die Kraft nicht zu poetisieren. Es ist eine “Aufklärung mit menschlichem Antlitz” die Dresen betreibt; Frank in Großaufnahme, wenn er seine Gedanken ins Iphone spricht; sein kleiner Sohn der fragt, ob er es erben wird;
Und irgendwann sitzt Franks Tumor bei Harald Schmidt, und wird gefragt ob er sich nicht manchmla “bösartig” fühle.
Ein großartiger, berührender Film; ein Existenzberechtiungsschein für den Deutschen Film. Mir graut nur schon vor Redakteuren die meinen man könne “das Rezept” “kopieren” – Mut wird aber nicht kopiert sondern erkämpft.
Ein Blick in Diogones Tonne: Kim Ki-duk’s Arrirang
Kim Ki-duk’s Arrirang sieht in den ersten Minuten wie ein furchbar langweiliger, asiatischer Festivalfilm aus, und wird dann zu einer Tour-de-force durch das Leben eines Regisseurs.
Die letzen drei Jahre seit “Dream” (2008) hat Kim Ki-duk in einer Einsiedlerhütte in den Bergen verbracht, in der es so kalt wird, dass er im Wohnzimmer in einem Zelt schläft und filmt. Weil er nach einem Unfall einer Schauspielerin beim Dreh und Enttäuschungen durch Freunde keinen Film mehr machen kann, entscheidet er “einfach einen Film zu machen, egal ob er langweilig ist”. Dieser Film ist Arirang.
Der Tagebuchfilm hat nur wenige Längen, und Kim Ki-duk schafft es den Zuschauer mit stilistischen Wendungen bei der Stange zu halten. So läst er sich von seinem Schatten fragen stellen, und kommentiert die Antworten vor dem Schnittmonitor. So etwas höhrt sich dann in etwa so an:
Kim Ki-duk im Schnittfenster (Lange Haare, betrunken): “Ich kann nicht sehr gut meine Gedanken in Worte fassen.
Kim Ki-duk vor dem Monitor (Haare zum Zopf, Tageslicht): “Natürlich kannst du. Das ist lustig.”
Es ist ein sehr intimes Porträt geworden in dem fast jeder emotionaler Zustand Kim Ki-duks abgebildet ist, aber auch Alltag wie der Bau einer Espressomaschiene. Inhaltlich reflektiert er viel über sein Werk als koreanischer Filmemacher, über Kino und den Tod. Er denkt darüber nach was Ihn in diese Situation gebracht hat, und warum er in Ihr verharrt. Ausserdem beschimpft er sich gerne. Die Passende Musik schafft er sich selbst, indem er das koreanische Lied “Arirang” in verschiedenster Art und Weise singt.
Ein sehr interessanter Blick in die Tonne das Denken dieses und anderer Filmemacher, mit einfachsten Mitteln geschickt zusammengesetzt. Ich könnte nicht viele solcher Filme sehen, aber diesen sah ich sehr gerne. Bewonders empfehlenswert für weinerliche Filmemacher, und alle die es werden wollen.
Wunderschönes Aschenputtelallerlei: Sleeping Beauty
“Perverse Männerfantasien spalten Cannes” schreibt der Focus zu “Sleeping Beauty”, dem Erstling von Julia Leigh und hat damit so ziemlich alles falsch verstanden.
Emily Browning (gerade in der echten Männerphantasie “Sucker Punch” zu sehen) spielt die wunderschöne Lucy, ein modernes Aschenputtel, Studentin mit alkohlabhängiger Mutter und drei Jobs, die sich ab und an in schicken Bars prostituiert. Irgendwann findet Sie einen kuriosen und lukrativen Nebenverdienst: das nackte Servieren bei feierlichen Tischgesellschaften alter Männer. Später wird aus dem Servieren schlafen werden. Lucy wird dafür bezahlt sich unter Schlafmitteln nackt in einem Bett zu räkeln. “There will be no penetration. Your Vagina will be a Temple, a holy place” sagt die Organisatorin. “My Vagina is no holy place” antwortet Lucy.
“Sleeping Beauty” ist zunächst einmal ein sehr schöner Film. Die Bilder von Julia Leigh sind gut kadriert in schönen Farben und Fahrten. Emily Browning ist immer wieder wundervoll in Szene gesetzt, und auch die älteren Nebendarsteller der Tischrunde sind in ihrem körperlichen Spiel beeindruckend. Überhaupt funktioniert die Ebene der erotischen Phantasie (Prostitution und “schöner Schlaf”) sehr gut. Leigh schafft hier die Atmosphäre eines Parfüms das süß am Boden entlang kriecht. Natürlich handelt sich nicht um Männderphantasien, sondern um Frauenfantasien. Diese wiederrum erinnern mich sehr an die Filme Cathrine Breillards. In “Anatomy of Hell” geht es ebenfalls um dieses “Betrachtetwerden” des weiblichen Körpers, den Wunsch nach vollständiger Objektwerdung. Beillard hat – so will es der Zufall – 2010 auch einen Film mit dem Namen “Schlafende Schönheit” gedreht. Ansonst kann man “Sleeping Beauty” auch als “reversed Eyes wide Shut” betrachten, Eyes wide Shut” aus der Sicht der Kellnerinnen, mit ein bisschen “Salo”. Ingebord Bachmann wird übrigens auch zitiert.
Die soziale oder “reale” Ebene des Dramas bleibt leider trotz aller versuchter Tiefe aufgesetzt. Lucys Freund “Birdman” sticht zwar aus dem Aschenputtelallerlei hervor, aber vermag diese Ebene des Films nicht zu retten. Lucy bleibt – trotz Brownings sehr guten Spiels – eine Figur der eine Geschichte angetackert wurde. Insgesammt ist “Sleeping Beauty” durch seine schönen Bilder und seine andersartigen, weiblich-obszönen Blickwinkel ein sehenwerter Film. Für die Palme wird es aber zurecht nicht reichen.